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Interview mit Sophie Hunger

Das ist sogar in der kleinen Schweiz unheimlich: Eine Musikerin stürmt ohne jegliche Unterstützung einer großen Plattenfirma an die Spitze der Hitparade. Die 1983 geborene Diplomatentochter wuchs in London, Bonn und Teheran auf und begann erst 2006, Songs zu schreiben. Nie zuvor hatte sie ein Instrument erlernt, nie Gesangsunterricht genommen. Sie veröffentlichte ein Album in Eigenregie, schob das zweite direkt nach und acvancierte zwischen Zürich und Genf rasant vom Geheimtipp zum helvetischen Liebling. Am Freitag tritt sie um 21 Uhr auf dem Hauptmarkt auf.

Sophie Hunger, empfinden Sie es als Vorteil, in diversen Ländern aufgewachsen zu sein, hat sich das auf Ihre Kunst ausgewirkt?

Sophie Hunger: England hat mir sicherlich die Sprache geschenkt. Und zwar genau nur so viel, dass ich damit leichtfertig umgehen kann. Ich kann Englisch, aber nicht gut genug, dass ich mir der Schwere der Sprache immer bewusst wäre, so wie ich das im Deutschen bin. Deutsch singen ist natürlich viel, viel schwieriger für mich, weil ich alles darüber weiß und mir jede Interpretation vorstellen kann. Das macht alles schwierig, und man wird unfrei.

Warum singen Sie so wenig auf Schweizerdeutsch?

Hunger: Im Schweizerdeutsch kann ich mir alles erlauben, weil ich das Gefühl habe, dass ich die Sprache besitze. Deutsch beherrsche ich zwar, aber ich habe da immer noch ein bisschen Respekt davor. Schweizerdeutsch ist etwas so Kleines, und wir sind so wenige, dass ich das Gefühl habe, ich könnte damit in eine Form von Überheblichkeit geraten.

Der Sinn Ihrer Texte erschließt sich nicht zwingend, sie sind eher bildhaft. Ist für Sie die tatsächliche Semantik des Textes wichtig oder eher das reine Spielen mit dem Klang der Worte?

Hunger: Ich glaube, ich trenne das nicht so genau. Im besten Fall sind Form und Inhalt nicht so weit voneinander entfernt, sie gehören zusammen. Es gibt keine Form ohne Inhalt und umgekehrt. Es bedeutet immer etwas, wenn man einen Ton macht.

Im Titel Ihrer aktuellen CD «Monday‘s Ghost« steckt ein Geist, außerdem kommen in Ihren Songs Götter, ein Alien und der «Niemand« vor – sind Sie ein Mensch, der von der nicht sichtbaren Welt fasziniert ist?

Hunger: Ich habe nicht die Vorstellung, dass es eine Realität gibt und eine Nichtrealität. Alles was sich bewegt, sind die Dinge, die genau dazwischen liegen. Musik ist auch so etwas. Man kann sagen, sie ist etwas Irreales oder etwas Irrationales, es gibt keinen Grund für sie, sie hat keinen Nutzen. Und trotzdem hat sie eine Wirkung, die real ist. «Geist« ist etwas Ähnliches. Wir haben ein Wort dafür, wenn es ihn nicht gäbe, hätten wir auch kein Wort dafür.

Ihrem Song «The Boat Is Full« könnte man politische Untertöne attestieren – sind Sie der Auffassung, dass ein Songwriter auch heute politische Statements machen sollte?

Hunger: Ich wollte keine politische Aussage machen. Was ich gemacht habe, ist: Ich habe einen Satz von einem Politiker genommen und habe ihn für mich neu benutzt und gespielt mit seiner Aussage. Und das ist eben das, was Musik kann und vor allem auch Sprache kann: Sie kann sich immer neu erfinden. Wenn Sie mich fragen, ob Musiker politisch sein sollten, dann sage ich: Nein! Musiker müssen musikalisch sein, sie müssen spielen. Musik muss sich bewegen, muss alles öffnen und neu erfinden, Idealismus hat da nichts zu suchen, das wäre ein Rückschritt.

Wie erklären Sie sich den großen Erfolg des Albums in der Schweiz ohne Promotion einer großen Plattenfirma – ist das nicht ein Triumph?

Hunger: Diese Gefühle sind natürlich sicher dabei. Eigentlich darf der Erfolg auf diese Weise ja nicht kommen. Eigentlich. Doch alles was ich sagen kann, ist, dass wir in den letzten zwei Jahren sehr viele Leute bespielt haben und diese Leute mussten sich offensichtlich medial nicht bevormunden lassen. Das hat mich sehr berührt, dieses Vertrauen. Schlussendlich ist das Publikum die einzige Realität, die man anerkennen kann. Und dieser Erfolg war der Beweis, dass es wirklich existiert – und dass es auch mündig ist.

Sind Sie stolz, zur Schweizer Musikszene zu gehören und sie zu bereichern – oder ist Ihnen der Standort Schweiz aufgrund Ihres multinationalen Backgrounds eher egal?

Hunger: Das einzige, was ich sagen kann: Ja, ich bin Schweizerin. Ich komme nicht aus Kalifornien oder Island. Ich kann mich nur für das interessieren und aus dieser Perspektive heraus leben, weil ich keine andere habe. Ich schäme mich nicht, Schweizerin zu sein, ich bin aber auch nicht stolz darauf. Doch ich werde bestimmt nicht nach Südamerika oder sonst wohin ziehen und sagen: «Ich muss weg, um meine Kunst zu machen.« Das halte ich für eine Flucht.
Interview: Stefan Franzen

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